Über Leistungsrassismus und Gemeinschaftsneid, über Arbeitsethos und Antisemitismus. Und warum der Hass auf Muslime und Islamkritik sich gegenseitig ausschließen.
Wo „das lebendige Leben oder das zum Material gewordene Leben“ auf Nutzen und Kosten hin bilanziert wird, wo es zugleich ein nationales Privileg ist, als „wandelnde Produktivität“ (1) sich zu etikettieren, ist Islamkritik bereits suspendiert. Und wo die Bewertung der Produktivität eines Menschen keine allein an dem Individuum interessierte, aus reinem Kalkül über die Verwertbarkeit des lebendigen Dings durchdachte, sondern durch die Identifizierung des Individuums als bloßes Exemplar einer Gattung der ‚Gemüse-Türken’ vormanipulierte ist, wo die „Arbeitskraft, die dem Recht auf Verwertung hinterherflieht“ (2), als Agentur der Überfremdung denunziert wird, ist die Ideologie, die als Islamkritik sich tarnt, darüber hinaus rassistisch.
Unter der Totalität des Kapitalverhältnisses, in dem die Menschen mit der Würde der Subjektivität: frei und gleich in der Konkurrenz, zugleich ihre totale Konvertibilität erfahren, das heißt die Drohung als Überschussware zu enden, in dem die Bürde der Subjektivität: der an die Individuen delegierte Zwang zur kapitalproduktiven (Selbst-)Verwertung, als Arbeitsethos geheiligt wird, verteidigt jenes „zum Material gewordene Leben“, das mit einem politischen Souverän als Garanten der Subjektform identifiziert ist, seine Kapitalanwandlung gegen die todesmutigen Menschen, für die kein Staat bürgt und die es wagen, vor Elend, Krieg und Tugendterrorismus nach Europa zu flüchten. Doch allein aus der Angst davor, dass die Massen doch noch zur Konkurrenz befähigt werden, speist sich nicht das obsessive Moment des Verhältnisses zum Islam. Wie Gerhard Scheit darlegt (Gemeinschaftsneid und Strafbedürfnis. Die zwei Formen des postnazistischen Bewusstseins, in: Bahamas 61/2001), verteidigen die Pseudokritiker des Islams ihre Zivilisation der Produktion gegen eine religiöse Gemeinschaft, die ohne industrielle Produktion, ohne kollektive Selbstaufopferung durch Arbeit sich reproduziere, die indes sich „auf die bloße Voraussetzung aller Produktion“ konzentriere: „die individuelle Reproduktion in der Familie“ und hier vor allem auf die Schickung und Fügung der Frau als emsiger und demütiger Gebärautomat, „als Zwangsarbeiterin dieser Reproduktion“. Der Islam, so wie sie ihn wahrnehmen, verhöhnt ihr Arbeitsethos, das Opfer ihrer Subjektwerdung, und provoziert zugleich einen aggressiven Neid auf die angebliche Nahtlosigkeit einer Vergemeinschaftung durch bloße Unterwerfung unter den falschen Gott Allah. Dass die „Araberfrau“, von der ein deutscher Malthusianer so empört sprach, als schwächstes Teil des islamischen Patriarchats wahrgenommen wird, hebt das Interesse an ihrer Existenz, die als Gebärfunktion des arabischen Mannes nur die Loyalitätsfrage provoziert – und zwar nicht die ihrer Emanzipation. Allein durch ihren Körper, also bloßer Natur, vergrößere sie die Macht des islamischen Patriarchats, wo sie doch die Reserve an Arbeitskräften aufzufüllen habe. Das Gebären eines weiteren Überschüssigen angeblich allein um den Lebensraum für die islamische Familie zu maximieren (3), provoziert eine Zivilisation der Produktion, in der Arbeit, vollends emanzipiert von den Bedürfnissen und Willen der Produzenten, ein Zwangsprinzip und in der die Anhäufung verausgabter Arbeitskraft als Kapital, repräsentiert in der Geldform, purer Selbstzweck ist.
So real der Zwang ist, der Frauen und Mädchen aus muslimischen Familien auf ihre Gebärfunktion verpflichtet, und so brutal die Strafen bei Ungehorsam, ist die Gemeinschaft der Umma, also die aller Muslime, wesentlich Schein. Bildet sich das obsessive Verhältnis zum Islam zunächst an realen Konflikten heran, wie eben die Verpflichtung der Frau auf ihre Gebärfunktion, wird es sodann wahnhaft, wo die Anderen – die muslimischen Täter und Opfer dieser Konflikte – zur Projektionsfläche zugerichtet werden. Die tugendterroristisch garantierte Reproduktionsform wird zur Kriegsführung einer verschworenen Gemeinschaft der Umma weitergesponnen, an der doch nur der eigene Gemeinschaftsneid sich nährt. Nicht die familiär ausgebeutete und verächtlicht gemachte Frau sei das eigentliche Opfer, dem Solidarität gebühre, sondern die Deutschen, denen mittels eines muslimischen Gebärzwanges die Überfremdung drohe. Die „Araberfrau“ wird bei dieser Opferverschiebung zur bloßen Agentur der halluzinierten Bedrohung. Doch die verschworene Gemeinschaft der Muslime existiert nicht; die Muslime sind sich so wenig eins, wie alle anderen Menschen auch. (Die Blutspur des Islams ist vor allem auch eine der Konfessionskriege: jüngst im Irak und Jemen, in Syrien und Bahrain. So ist auch der Begriff des Umma-Sozialismus falsch. Der Nationalsozialismus verstaatlichte die Arbeitskraft seiner Volksgenossen und hob nicht nur mittels pathischer Projektion, sondern durch die Realisierung der Vernichtung der ‚jüdischen Gegenrasse’ und den Kahlfraß der okkupierten Zonen ihre Überschüssigkeit auf; der nationale Sozialismus war so weit realer Schein, wie es den Deutschen gelang, die eigene Krise den anderen Nationen aufzuladen. Ein panislamischer Volksgenosse existiert aber nicht und vor allem kein islamischer Souverän, der die konfessionellen Grenzen aufhebt und fähig ist, die Volksgenossen zu konstituieren und auf Gehorsam zu verpflichten. Was wir dagegen vorfinden, sind verschiedene politische Souveräne, die trotz des gemeinschaftlichen Hasses auf Israel vor allem untereinander konkurrieren und sich befehden: Saudi-Arabien gegen den Iran, dieser in Treue zu dem ba’thistischen Regime gegen die syrischen Muslimbrüder, und so weiter. Die Erdölrente finanziert die Mobilisierung eines Krieges jeder gegen jeden, zumeist über Dritte, nicht den Zakah eines Umma-Sozialismus. Was am Islam sich potenziert, ist also nicht die Gemeinschaft einer realen Umma, sondern der religiöse Wahn in jedem einzelnen Gläubigen, der sich zumeist doch nur im Sektierertum verliert, weil die Islamisierung der Individuen ungleiche Ausmaße annehmt und kein islamischer Souverän fähig ist, die Umma als Vereinigung aller islamistisch Psychotisierten zu konstituieren und die Krisenbewältigung in Eigenregie zu übernehmen. Das einzige politische Projekt, das die muslimischen wie christlichen Konfessionen zu einigen, die Umma als Modernisierungsregime aller Araber zu realisieren vorgab – heimische Juden wurden dagegen als ‚5. Kolonne Israels’ der Gegennation zugeteilt –, war der Panarabismus. Seine letzte Bastion, das ba’thistische Regime in Syrien, kämpft zurzeit um ihr Überleben.)
Der Hass auf Muslime und Antisemitismus
Wo die eigene Kollektivität gestiftet wird, indem man als Deutscher oder Japaner, also als Subjekt eines politischen Souveräns: des Staates, Geld handhabt, um das Kapital zu realisieren, wo das Geld der wahrhafte „Gott unter den Waren“ (4) und das Verbeugen vor diesem die „wahre Qibla“ ist (5), ist die gesellschaftliche Synthese selbst ein böses Rätsel: das Fundament von Ideologie. Die deutsche Ideologie war stets die der Arbeit – mit allen antisemitischen Konsequenzen. Arbeit wurde, wie bei Martin Luther, zur „Knechtschaft aus Überzeugung“ (6), zur Berufung, zum Beruf, zu einem Dienst an Gott und der stumme Zwang zum Verkauf der Ware Arbeitskraft zur Tugend. „Der Gauner“, Parasit der Arbeit, „soll zur sittlichen Arbeit als einer freien persönlichen Tat erzogen werden durch Zwangsarbeit“, so Wilhelm Heinrich Riehl (in: Die deutsche Arbeit, 1861), der die Gesittung des deutschen Volkes eruierte. Die Arbeit als „freie persönliche Tat“, als ein intimes und im Nationalsozialismus erotisiertes Verhältnis, zu dem man bei Widerspenstigkeit gezwungen werden muss. Die Integrationskraft der Arbeit wird auch heute angemahnt und sodann mit Arbeitszwang gedroht. Und so endet auch die Liberalität der arbeitsfetischistischen Pseudokritiker des Islams, die mit ihr im Namen hausieren, in der Verpflichtung jener Arbeitskraftvehikel, die auf ALG II geparkt sind, zur „gemeinnützige(n) Arbeit“.
Der Gesittungsforscher Riehl schrieb, dass es „ein scharfer Unterschied in der Idee der Arbeitsehre und Arbeitssittlichkeit (ist), der den Semiten vom Arier trennt“. Die „Judenarbeit“ sei der Schacher, so Riehl. Das negative Prinzip zur Arbeit ist also das des Parasitismus, des organisierten Betrugs an der ‚ehrlichen Arbeit’, verkörpert im Juden. Bereits Martin Luther kontrastierte die „deutsche ehrliche Arbeit“ mit dem „jüdischen Schmarotzertum und Wucher“ („…sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß“, während sie „faulenzen…“). Luther dachte zunächst über Zwangsarbeit für Juden nach, verwarf er aber diese und empfahl das Pogrom zum Zwecke der Vertreibung von ‚Wucher-Juden’ und ‚Bettel-Zigeunern’ (7).
Doch die ‚jüdische Nicht-Arbeit’ fungiert nicht nur als Gegenprinzip der ‚deutschen Wertarbeit’, wie es auch – mehr oder weniger – die als unproduktiv verleumdeten ‚Gemüse-Türken’, ‚Rotations-Europäer’ und andere Gauner tun. ‚Das Jüdische’ wird verdächtigt, die Inkarnation der Zirkulationssphäre zu sein, in der es sich den Wert ehrlicher Arbeit parasitär aneigne und somit die Produktion sabotiere. Der Antisemitismus ist somit die wertfetischistische Konkretion des Abstrakten des Kapitalverhältnisses, seine psychotische Personifizierung im Juden. Warum die „vermittelnde Bewegung“, in der die Ware Geld die Äquivalentform zu allen anderen Waren annehmt und so erst zu Geld und alsdann zu dem Gott unter den Waren wird, „in ihrem eigenen Resultat verschwindet“, wie also der Geldfetisch sich produziert, ist bei Marx nachzulesen (in: Das Kapital Bd.1, Berlin 1974, S. 107). Die wesentliche Regung der Warenhüter ist es, dem Geld nachzujagen oder doch nur hinterherzufliehen, bei dem Verkauf der Ware Arbeitskraft oder anderweitig. Das „nackte Interesse“ dieses kapitalistischen Erhaltungstriebes, die „gefühllose ‚bare Zahlung’“ (8), wird auf ein Objekt verschoben, „dem prospektiven Opfer“ (9): die Juden. Die falsche Projektion des geldfetischistischen Warenhüters macht die Juden sich ähnlich: sie sind es nun, die die Anbetung des Götzen Geld alleinig zu vertreten haben. Doch die antisemitischen Sterotypen verraten nur des Warenhüters eigene Wesen.
Dass die Arbeit einen Sinn hat, wo sie doch nur die unmittelbarste Verwertungsagentur des Kapitals ist, dass sie einen „ethischen und seelischen Wert“ (NS-Ideologe Robert Ley) erhält, wo sie doch ein Zwangsprinzip ist, dass aus ihr ein Ideal entsprießt, eine „Ehre der Arbeit“, und aus dieser Volk und Nation, das alles ist Denkauftrag an jedes einzelne Staatssubjekt Kapital. Und, so weit das Geldrätsel antisemitisch gelüftet wird, wird der Mordauftrag nachgesandt, denn es helfe kein vereinzelndes Pogrom, das die Juden nur noch weiter kosmopolitisch verstreue. Der Antisemit, so weit er sich dazu bekennt, will den Tod der ‚jüdischen Gegenrasse’, auf dass die ewige Akkumulation des Kapitals nie wieder sabotiert, die Ehre der Arbeit nie wieder beschmutzt werde. Denn für die Antisemiten „sind die Juden nicht eine Minorität, sondern die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches…“ (10), ihre Ermordung also ein Sachzwang.
Pathische Projektion ist davon bestimmt, wozu die Projizierenden gezwungen sind, es sich selber weiterhin anzutun. Vom Inhalt der Projektion auf reale Eigenschaften des Objekts, auf das projiziert wird, zu schließen, würde dem Kapitalverhältnis, das die Projektion bestimmt, eine Zurechnungsfähigkeit attestieren, die es nicht hat und so den Inhalt der Projektion bestätigen. Der Antisemitismus produziert aus sich heraus den Schein einer Zurechnungsfähigkeit der als bedrohlich empfundenen Momente des Kapitalverhältnisses; er personifiziert diese im Juden und gibt so der subjektlosen Herrschaftslogik des Geldes eine Adresse. Hierzu ist der Hass auf Muslime nicht fähig. Muslime werden selbst in dem rassistischsten Topos nicht mit der Zirkulationssphäre – dem Abstrakten des Kapitalverhältnisses – identifiziert. Sie, so das Ressentiment, schröpfen mit dem zu kulanten SGB als Komplize den Staat und verhöhnen die deutsche Arbeitsmoral; sie seien Wirtschaftsflüchtlinge, also illegitime Konkurrenten, und zugleich Agenturen der Überfremdung. Was gefordert wird, um diese abzuwehren, ist seit langem europäische Realität und drangsaliert alle Immigranten ohne Ansehen ihrer Religion: Repression, Abschiebung, Militarisierung der Grenzen. Dies alles ist oft tödlich – siehe das Sterben vor Lampedusa –, doch der Wahn von der Überfremdung endet zumeist dort, wo Muslime auf der ihnen angeblich ‚angestammten Erde’ verbleiben. Der autochthone Arbeitskraftbehälter fürchtet die Konkurrenz, weil er tatsächlich an und für sich konvertibel ist und Hunderttausende von Menschen es wagen, gegen die europäischen Grenzen aufzubegehren, um eine kapitalproduktive Funktion einzunehmen, das heißt, um sich selbst zu erhalten. Der muslimische Immigrant fordert ihn doppelt heraus: als Konkurrent und zugleich als Agentur einer Gemeinschaft, deren angeblich nahtlose Reproduktion Neid provoziert.
Der Islam und seine antisemitischen Freunde und Feinde
Dr. Gerhard Frey, Übervater der „Deutschen Volksunion“ und Verleger der „National-Zeitung“, empört sich über die „infernalische Hetze gegen den Islam“ und verdächtigt Israel der Verschwörung gegen eine ehrwürdige Religion „von mehr als eineinhalb Milliarden Menschen“. „Der deutsche Kaiser Wilhelm II.“ dagegen habe dem Islam „ewige Freundschaft versprochen und nichts spricht dagegen, sie zu verwirklichen“, so Frey. Basis sei aber kein multireligiöser Schmelztiegel, sondern das „souveräne Staatswesen“ (NZ, 29.06.2011), also Türkei den Türken und Deutschland den Deutschen. Jenen Rassisten und Antisemiten, die in der Tradition des Nationalsozialismus sich wähnen, sind Muslime wie Christen, die nicht autochthon sind, unterschiedslos Agenturen der Überfremdung. Doch ihre Anstrengung zur „ethnischen Reconquista“, die die Menschen nach „Völker und Kulturen“ segregiert, äußert sich geopolitisch in der Kollaboration mit dem Islam. Nach Jürgen Gansel, Vordenker der „Nationaldemokratischen Partei“, habe der Islam in Europa „keine Existenzberechtung“, doch „unantastbar ist er dort, wo er historisch beheimatet ist“. Gegen Israel, dem Staat gewordenen „Völkerhaß“, und die Vereinigten Staaten von Amerika, diesem kosmopolitischen Bastard, gelte den Muslimen die „Solidarität von Nationalisten“. Und so verkörpere die Hamas den „palästinensischen Selbstbehauptungswillen“ und so seien die irakischen Suicide Bomber „Heimatverteidiger“. Folglich träumt auch die „Deutsche Stimme“ von einem „arabischen nationalen Sozialismus“ (DS, 02.05.2011), einer Achse der Souveränisten gegen die ‚jüdische Gegenrasse’. Es sind dieselben Kategorien des Antiimperialismus, in denen Rassismus und Antisemitismus von diesem Schlag sich geopolitisch reproduzieren: Autochthonität, Volk, Nation, Souveränität, Staat, Antizionismus.
Der Alptraum nicht weniger deutscher Rassisten ist die Tochter türkischer oder libanesischer Eltern, die ihre Sinnlichkeit nicht unter Leichentücher begräbt und sich Volkstum und Religion verweigert. Andreas Molau, einst bei der „Deutschen Stimme“ tätigt, heute in der „Bürgerbewegung Pro NRW“, äußerte im Gespräch mit dem „Muslim Markt“, er hielte es „für abstoßender“, wenn bei einer „muslimische(n) Frau“ der Bauchnabel zu sehen ist. Sein einziger Feind sei „ein alle Kultur zerstörender Amerikanismus“. Ein anderer nationaler Sozialist, Stephan Steins, bedauert gegenüber derselben Agentur der Islamischen Republik Iran die „faschistoiden ideologischen Exzesse“ gegen die Familie. Und Jürgen Gansel hält fest, „Koranfestigkeit“ verhindere ein Einschmelzen der Kulturen. Bis zu ihrer Heimführung müsse die islamische Gemeinschaft „möglichst intakt“ bleiben.
Unter anderen deutschen und europäischen Rassisten, die sich nicht in der Tradition des Nationalsozialismus wähnen, wird selbstbewusst ein Bekenntnis zu dem Staat Israel vor sich hergetragen. Der Staat gewordene Selbstschutz der Juden wird von ihnen als solcher nicht reflektiert; die antisemitische Vernichtungstat als kapitalimmanente Krisenexorzierung, die durch die deutsche Volksgemeinschaft vorexerziert wurde, verdrängt und verschoben auf die antisemitische Konkurrenz: den Islam. Israel ist ihnen hierbei weniger ein geopolitischer Wall gegen den Islam. Den Kulturalismus, jedem seine ‚angestammte Erde’, teilen sie, mehr oder weniger, mit einem Gansel. Der Islam fern von Europa ist ihnen unwesentlich; die deutsche Armee wäre an den europäischen Grenzen tätigt, nicht in Afghanistan (…wenn sie nur die politische Macht hätten, dies anzuordnen). Und die brutale Zerschlagung der säkularistischen Revolte im Iran ist ihnen gleichgültig, solange nicht noch mehr Flüchtlinge es wagen, nach Europa aufzubrechen. Der Proisraelismus ist also weniger antiislamische Geopolitik. Mit dem Bekenntnis zu Israel gelingt ihnen ein moralischer Triumph, ohne die Resultate der eigenen kapitalimmanenten Krisenbewältigung: die Ausrottung des europäischen Judentums, zu verneinen. Dieser Proisraelismus ist nicht nur äußerst prekär, er verhöhnt zugleich die Opfer des Nationalsozialismus mit der Lüge von der „jüdisch-christlichen Tradition“, die doch nur eine von Pogrom und Protokoll ist. So auch wieder der deutsche Malthusianer, der den „immense(n) jüdische(n) Aderlaß“ als Verlust an Humankapital bedauert und sogleich heranhängt, dass auch das „klassische leistungsorientierte Bürgertum“, also die deutsche Mordelite, aus Berlin (lebend!) verschwand, wie der namentlich genannte Hermann Josef Abs, der „Aufsichtsrat von Auschwitz“ (Konkret, 12/1991). Die Belobigung ‚jüdischer Intelligenz’ ist zudem eine, wenn auch unbewusste, Drohung, das Ressentiment von der ‚zersetzenden Intelligenz’ der Juden zu mobilisieren, sobald sich erweist, „dass die größtmögliche Akkumulation von Intelligenz unter brutalst möglichem Ausschluss von Nichtproduktiven“ die als Humankapital sich etikettierenden Deutschen vor dem „nicht mehr Gebrauchtwerden nicht schützt“ (11).
Auffallend, dass die krudesten Allianzen, zu denen der Hass auf die Juden und ihre Emanzipationsgewalt Israel die Beteiligten bewegt, zumeist ignoriert werden. Etwa zwischen dem „White Civil Rights“-Veteranen, David Ernest Duke, und der Islamischen Republik Iran. Duke verdächtigt „die jüdische Suprematie“, die Immigration von Nicht-Europäern zu forcieren: “In summary, massive non-White immigration has been one of the most effective weapons of organized Jewry in its cultural and ethnic war against the European American.” Und weiter: „A very small minority of influential Jews oppose immigration into European-populated nations. And all of them who oppose immigration do so for one reason. Their opposition is not born of the detrimental effects of it on the indigenous people of our nations, but only from considerations of how Muslim immigration affects Jewish goals, political and social power, and policies toward Israel. Most of them are busy manipulating Europeans, such as that Jewish-influenced Norwegian puppet, Breivik, to oppose only Muslim immigration while supporting all the other immigration from the Third World.” Die Muslime sind ihm so viel wert, wie sie seinen Judenhass teilen. Geladen war Duke, der bis 1978 als Grand Wizard des Ku-Klux-Klans amtierte und nun über eine Kandidatur für das US-amerikanische Präsidentenamt nachdenkt, auf der Teheraner „International Conference on Review of the Holocaust: Global Vision“ des iranischen Außenministeriums. Neben ihn reiste auch Friedrich Töben an, der von der Macht des Judeomarxismus („…Talmudic-Marxist death dialectic“) fabuliert und Mahmud Ahmadinejad im Gespräch mit „Fars News“ als Brecher des „Tabus Holocaust“ rühmt. Fromme Christen, wie Eugene Michael Jones, Mark Dankof und Mark Glenn, die von einer atheistischen Zersetzung ehrwürdiger Traditionen als jüdischen Komplott phantasieren, werden im iranischen „Press TV“ zu Kommentaren und Gesprächen geladen. Und so weiter.
Islamkritik als materialistische Kritik
Der Islam ruft nicht bei allen Neid hervor, bei nicht wenigen auch Faszination. Und so werden die rassistischen Demografieapokalyptiker komplettiert durch jene, denen der Islam ein Substitut der Volksgemeinschaft ist. Das eine – der widerliche Rassismus gegenüber Muslimen – oder das andere – die nicht weniger widerliche Komplizenschaft mit dem Islam – zu unterschlagen, ist eine Verleugnung der Diversität deutscher Ideologie, die stets dasselbe ist: die Suspendierung der Gattung Mensch.
„Der Kampf gegen die Religion“, so Marx, ist „mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.“ (in: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie Einl., S. 378) Die Kritik der Religion ist „die Voraussetzung aller Kritik“ (ebd.), die es auf die sich radikalisierende Kritik eines gespenstischen Verhältnisses anlegt, das kein Außen, also keinen Himmel mehr kennt und in der „die Transsubstantiation der nützlichen Dinge in Ware & Geld & Kapital so mühelos gelang wie noch nie einer Religion die Verwandlung des Weins in das Blut Christi“ (12): das Kapitalverhältnis, das nun aus sich selbst nicht mehr den Schein zu produzieren vermag, „das Gröbste, daß keiner mehr hungern soll“ (13), doch noch zu realisieren, in dem viel mehr die Insassen dieses Vergesellschaftungsprinzips zur Bevölkerungsschlacht von Produktivbestien gegen den noch lebenden Überschuss, von Autochthonen gegen Flüchtlinge, viel mehr: zum Kampf einer gegen alle und alle gegen einen, sich rüsten.
Die Religion, so Marx, ist das „Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben“ oder, in der Krise der Subjektform, „wieder verloren hat“ (ebd.). Die Menschen zu enttäuschen, damit sie resignieren, die Krise regressiv auszusöhnen, und beginnen, sich um sich selbst zu bewegen, darüber hinaus zu bestimmen, wie der Islam retardiert, dass der Mensch sich selbst bewusst wird und wie er beschleunigt, sich im falschen Kollektiv zu verlieren, und trotzdem dem muslimischen Objekt gegen die rassistische Identifizierung als ‚unwert’ und ‚überfremdend’ beizustehen, ist Inhalt einer Islamkritik im marxschen Sinne. Was die Islamkritik intendiert, ist schlussendlich der kategorische Imperativ, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (ebd., S. 382). Darüber nun was vom tatsächlichen Charakter des Islams abzüglich des Gespenstes der Überfremdung und der Verschworenheit der Umma übrig bleibt, habe ich hier nichts gesagt. Nachzulesen ist es in den Gefängnisbiografien etwa einer Monireh Baradaran (14) und eines Reza Ghaffari (15), die als kommunistische Genossen und Abtrünnige des Islams – wie leider nur wenige – die Folterhöllen der Islamischen Republik Iran überlebt haben. Zu erfahren ist es von den Flüchtlingen des Tugendterrorismus, die von griechischen Behörden schikaniert und rassistischen Banden gehetzt werden oder die hier die Abschiebung in den Tod zu fürchten haben. Nicht aber von „Politically Incorrect“ und Ähnlichgesinnten, die doch nur die Panik produzieren, die dem vereinzelten Einzelnen die Flucht ins falsche, rassistisch und antisemitisch sich ausagierende Kollektiv nahelegen.
Lektüreempfehlung:
Niklaas Machunsky: Kapital und Islam, in: Prodomo 15/2011.
(1) Rainer Trampert: Zuchtmeister Deutschland, in: Jungle World 18/2010.
(2) Joachim Bruhn: Vom Mensch zum Ding.
(3) Laut Sarrazin (via Buschkowksy), habe eine „Araberfrau“ ein sechstes Kind produziert, allein um so, mit dem SGB II als Komplize, eine größere Bleibe zugesprochen zu bekommen. In: Lettre International, 86/2009.
(4) Karl Marx: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 132.
(5) Georg-Weerth-Gesellschaft: Das Tal der Türken, oder: Ne mutsuz türkum diyene.
(6) Luther habe „ die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt“, so Marx. In: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie Einl., Berlin 1976, S. 386.
(7) S. Schatz/Woeldike: Freiheit und Wahn deutscher Arbeit, Zur historischen Aktualität einer folgenschweren antisemitischen Projektion, Hamburg 2001.
(8) Marx/Engels: Das kommunistische Manifest, Hamburg 1999, S. 46.
(9) Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, Kap. Elemente des Antisemitismus, Frankfurt a.M. 1969, S. 196.
(10) Ebd., S. 177.
(11) Justus Wertmüller: Frei nach Thilo Sarrazin, in: Bahamas, 59/2010.
(12) ISF: Das Konzept Materialismus. Pamphlete und Traktate, Freiburg i.B. 2009, S. 245.
(13) Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt a.M. 1951, S. 206.
(14) Monireh Baradaran: Erwachen aus einem Alptraum, Zürich 1998.
(15) Reza Ghaffari: Weinende Tulpen, Aschaffenburg 2000.
by CP Solidarity (noreply@blogger.com) at 29 Januar 2012 , 03:53:27




