12 September 2014

classless

Rohentwurf zu meinem EntheoScience-Beitrag: Solidarität, Kritik und Begriffsbildung

Ich hätte heute die Konferenz “EntheoScience” in Potsdam eröffnen sollen, kann das aus schwerwiegenden persönlichen Gründen jedoch leider nicht tun. Ich bin auch nicht in der Lage, meinen gesamten Beitrag hier wiederzugeben, hab aber meine Vorüberlegungs-Diktate fürs geneigte Publikum mal abgetippt – ist recht roh und ein bißchen lang, ich weiß.

Vorrede

Ich werde hier recht viel Kritik auskippen, werde vielleicht manche von euch damit treffen, manche aufbringen, manche abstoßen. Das ist okay, das soll auch so sein. Aber ich möchte etwas vorausschicken, das mir akut sehr wichtig ist und was auch sonst nicht zu oft gesagt werden kann: Paßt aufeinander auf, haltet zusammen. Ich habe in den letzten zwei Jahren viel Verrat und Imstichlassen und dergleichen erlebt, selbst und um mich herum – wohl weil die Zeiten härter werden, weil es ruppiger und verlogener wird überall, und weil sich manche eben abwenden, wenn es zu kraß wird und es dadurch meist noch viel, viel schlimmer machen. Überhaupt denke ich, daß die Repression und der ganze Ärger deshalb so gut funktionieren, weil sich zu viele abwenden, wenn’s schlimm wird, und die Be- und Getroffenen alleine bleiben. Für viele gab’s dann niemanden mehr, mit dem sie noch wirklich reden konnten, niemanden, der sie nicht vorverurteilt hat – der Faden war durchgerissen und sie haben’s nicht mehr geschafft.

Also eben gerade die nicht im Stich lassen, bei denen es heißt: Das ist ein ganz schwerer Fall, läßt sich doch nicht helfen, da ist eh alles vorbei usw. Durch diese Grenzziehung werden sie ja entmenschlicht, aus der Gesellschaft der Menschen entfernt, für die man sich noch verantwortlich fühlt, und ans Fachpersonal übergeben, das zwar manchmal auch wem hilft – aber wir wissen, daß die Leute sich trotzdem umbringen, trotzdem kaputtgehen, irgendwo verwahrt werden oder von der Bahnhofssecurity vertrieben.

Natürlich lassen sich keine Wunder wirken, das ist mir klar. Es geht ja auch nicht darum, jemandem reinzureden oder was aufzuschwatzen. Es geht ja nur darum nicht wegzugehen. Wenn einer getroffen ist, sich nicht wegzudrehen, sondern dazubleiben und zu schauen, ob es nicht irgendwas zu tun oder zu sagen gibt. Oder ob der Umstand, daß jemand da ist und nicht abhaut, allein schon sehr viel ausmacht. Daß die Person wirklich da ist und nicht nur im Internet, ob die Person einen in den Arm nehmen kann.

Das wäre mir wichtig vorauszuschicken – es können ja alle ihre Auffassungen haben, und darüber soll unbedingt gestritten werden, aber paßt dennoch aufeinander auf, laßt euch mal nicht gegenseitig hängen, laßt diesen Scheiß mal nicht wirken. Meist ging der Verrat oder das Abwenden einher damit, daß bestimmte Differenzen für unüberbrückbar erklärt wurden, und das kann auf politischer oder anderer Ebene ja auch so sein, auf der Ebene persönlicher Solidarität sollte es nicht danach gehen. Wie heißt es so schön? Ketten bilden! Eine Linie ziehen, wo die Gewalt und die Repression und die Ausgrenzung nicht durchkommen. Wenn es irgendwann auf der Welt mal grundsätzlich anders und besser werden soll, wird das auch nur so zustandekommen, daß sich Menschen nicht im Stich lassen, daß sie sich zusammentun und die Scheiße nicht mehr gefallen lassen, daß sie versuchen, die Gesellschaft zusammen so einzurichten, daß wirklich alle mit erwischt werden, daß nicht immer welche hinten runterfallen. Das wäre das, was passieren muß, und das passiert gerade viel zu wenig, eher geht der Zug in die andere Richtung. Umso wichtiger ist es, daß alle, denen das klar ist, zusammenhalten und aufeinander aufpassen.

Vortrag

Die Personaldecke ist dünn, nicht nur hier, an vielen anderen wichtigen Stellen auch – bei diesen Veranstaltungen tauchen irgendwie immer die gleichen Leute auf. Ich bin auch nicht jemand, der bei sowas zum ersten Mal rumspringt. Ich darf aber auch endlich mal (wieder) reden – auf der letzten EntheoVision durfte ich nicht reden, dem Vernehmen nach wegen meiner politischen Auffassungen.

Was das nun wert ist oder was ich davon zu halten hab, daß ich jetzt hier reden darf, weiß ich noch nicht so genau. Das kann auch als Wahllosigkeit oder Beliebigkeit genommen werden oder auf Offenheit auch in unschöne Richtungen hindeuten – wenn ich sehe, daß Mathias Bröckers hier spricht, ohne daß etwa sein Buchkapitel zur “Kosher Conspiracy”, die hinter 9/11 stecken soll, problematisiert zu werden scheint.

Aber sei’s drum – dann kann ich hier eben sprechen, dann bin ich jetzt eben der Quotenkommunist, und das bin ich glaube ich schon, weil die politischen Positionen, die hier sonst so versammelt sind, sind ja, soweit ich das überblicken kann, eher so “links”. Das wäre auch schon einer meiner Punkte: daß die hier verhandelten Gegenstände und Themen nicht aus dieser linkslilberalen demokratieidealistischen Ecke rauskommen, in der es immer eher darum geht, sich moralisch aufzuspielen, irgendwelche Diskurse zu bedienen und seinen Scheiß verkauft zu kriegen – und dann vielleicht auch als akademisch durchzugehen, ernst genommen zu werden, wichtig wichtig wichtig zu sein, bla bla bla. Das ist mir alles sehr egal und das nervt mich alles sehr, und meiner Meinung nach steht dieser ganze Quatsch einer Reihe von wichtigen Erkenntnissen und möglichen Beiträgen auch schlicht im Weg – daß wir zum Beispiel mehr drüber nachdenken, was insgesamt vor sich geht, was wir wirklich ausrichten können, wie das mit der Gesellschaftsordnung zusammenhängt und den sozialen Kämpfen darin; daß wir mal aus diesem ganzen Begriffssalat und dem Geraune und der Skandalisierung von Tagespolitik rauskommen.

Damit will ich nicht sagen, daß es blöd ist, sich aktuellpolitisch zu engagieren und Leuten, die gerade jetzt betroffen sind, zu helfen – ich mach ja selbst auch noch andere Sachen als klug daherreden. Mir geht’s darum, was nicht passiert, darum, inwiefern diese verschiedenen Positionierungen zur Ausrede gerinnen, über bestimmte Sachen nicht mehr nachzudenken bzw. inwiefern man dann auf bestimmte “dumme Gedanken” auch erst gar nicht mehr kommt. Das ist die Stelle, wo ich’s niemandem wirklich vorwerfen kann, weil mir klar ist, daß das eben die Welt ist, in der man sich gedanklich und überhaupt bewegt. Und jenseits davon ist noch sehr viel, bei dem wir die Dachpappe gerade höchstens mal vorsichtig angehoben haben.

Wenn das hier jetzt als Ankacke rüberkommt – ich laß mich furchtbar gern davon überzeugen, daß das nicht stimmt. Schön, wenn ich im Nachhinein noch erfahren sollte, daß Leute sich an die Begriffsarbeit machen, das alles in Zusammenhang mit Klassenauseinandersetzungen und Systemüberwindung stellen, und zwar nicht auf so ‘nem Wir-99%-Lalala-Level, sondern vielleicht wirklich mal so, daß es irgendwann dazu führen könnte, daß alle Menschen kriegen, was sie brauchen, und nicht wieder wie einer dieser Schüsse in den Ofen, die es bisher meistens waren.

Meine Baustelle ist also, da weiterzudenken, wo sonst immer gern stehengeblieben wird, wo es sonst immer heißt: Das bringt jetzt gerade nix, oder: Da haben wir jetzt gerade nix von, das ist gerade nicht unser Thema, das ist nicht aktuell, damit kann man realpolitisch gerade nichts anfangen usw. usf.

Ich will mich nicht daran beteiligen, diese schönen und krassen Geschichten zu kolportieren, die immer irgendwie dramatisch und mysteriös klingen und bei denen man sich kraß vorkommen kann, wenn man sie erzählt – es muß nicht jeder Zufall was bedeuten, nur weil er einem auf Trip aufgefallen ist; vieles sieht unerklärlich aus, wenn man den Prozeß nicht kennt (oder ausblendet), der es hervorgebracht hat. Und ich will weg von der Skandalisiererei – es muß nicht immer gleich alles, was einem politisch nicht paßt, totalitär und faschistisch sein, und es ist doch auch völlig überzogen und vor allem falsch, die Forderung dieser Gesellschaft als Abstinenz zu bezeichnen, egal welcher schlaue Mensch das mal gesagt hat. Die Rausch- und Lustkontrolle in dieser Gesellschaft funktioniert doch offenkundig sehr viel selektiver und integrativer – wenn die Frontstellungen so übersichtlich wären wie: hier freiheitsliebende, lustbetonte Menschen gegen: da den grauen, supertotalitären “1984″-Staat, dann wäre die ganze Lage sehr viel einfacher. So sieht’s einfach nicht aus, tut mir leid. Wir sollen ja feiern – und dabei Wernesgrüner trinken und “Deutschland” schreien. Und wir sollen uns doch durchaus so gut berauschen, daß wir die Plackerei aushalten und uns vielleicht manchmal noch was einfallen lassen, damit aus dem Betrieb mehr rauskommt. Wir sollen und wollen doch “faszinierende innere Welten erkunden”, um die Scheißrealität von Ausbeutung, Hunger, Krankheit und Elend, von lauter vermeidbarem Leid auf dieser Welt nicht mitbekommen zu müssen.

Was ich tun möchte ist zusammenzutragen, was wir über den Rausch aussagen können, und ihn so auf den Begriff bringen, ihn funktionell und historisch bestimmen. Ich habe dazu ein paar Vorschläge zu machen, wie wir den Rausch zu fassen bekommen können und den Horizont weit genug aufbekommen, um nicht mehr nur von den “jahrtausendealten Kulturpflanzen” und den “edlen Wilden” herumzutröten, sondern sowas Schlichtes, aber Großes sagen zu können wie: Rausch ist eine Fähigkeit jedes Lebewesens mit einem Nervensystem seit ein paar Hundert Millionen Jahren. Es ist so banal wie das, da muß keine Dramaturgie eingepflegt werden. Dazu kommen wir gleich noch.

Das andere, was gesagt werden kann, betrifft den Zusammenprall dieser Fähigkeit Rausch mit Herrschaft – was das miteinander zu tun hat, wie es aufeinander bezogen ist und zurückwirkt. Und da gibt es eben nicht nur so eine schlichte Gegenüberstellung Herrschaft vs. Rausch – dann wär das alles ganz einfach, dann wäre Herrschaft auch sehr viel leichter aus der Welt zu schaffen. Ich mahne also ganz allgemein Dialektik an, das Denken in Widersprüchen – das heißt: wenn es übersichtlich und schwarz-weiß aussieht, wenn ich keine Widersprüche mehr sehe, dann stimmt’s höchstwahrscheinlich nicht, dann liege ich vermutlich falsch, dann hab ich’s vermutlich noch nicht verstanden, mache es mir zu einfach, und das wird sich in irgendeiner Form rächen, nicht zuletzt dadurch, daß ich dann vermutlich auch in der Logik der Herrschaft klebe und diese befördere.

Wir haben also in der deutschen Sprache das Wort Rausch – vielleicht eine der größten Kulturleistungen dieser Gesellschaft. In anderen Sprachen scheint das so nicht entwickelt worden zu sein. Der Begriff in seiner modernen Bedeutung entstand zu einer Zeit, in der diese Gesellschaft noch nicht so beschissen war, wie sie später wurde und heute noch ist, sondern als sie noch in heftiger revolutionärer Gärung befindlich war und eine revolutionäre Hoffnung für die Welt dargestellt hat – und noch nicht dieser Friedhof der Hoffnungen war, der sie seither fast die ganze Zeit gewesen ist.

In diesem Wort steckt die Möglichkeit, all diese vielen verschiedenen Zustände zusammenzufassen, und das unter einen relativ neutralen Begriff. Rausch faßt das sogar funktional recht gut, obwohl der Begriff geprägt wurde, als der Zusammenhang mit dem neurologischen Rauschen noch gar nicht so klar war. Es steckt also vom Kaufrausch bis zum Blutrausch alles drin und kann auf einen Nenner gebracht werden, und von da aus kann auch die Frage gestellt werden, die leider seitdem schon wieder nicht mehr so richtig gestellt wurde – was ich mit dem Ende jener revolutionären Gärung und ihren Umschlag in den monströsen, konterrevolutionären Irrsinn der deutschen Volksgemeinschaft in Zusammenhang bringen würde – die Frage nämlich, was all diese Zustände gemeinsam haben, woraus sich ja erst eine funktionelle Bestimmung und ein Begriff bilden lassen.

Erst mal haben sie das gemeinsam, daß sie, wenn man sie alle mal zusammennimmt, das Leben des Nervensystems, des Menschen, der anderen Lebewesen mit Nervensystem ausfüllen, daß praktisch immer eine Form von Rausch in unterschiedlicher Intensität und meist auch in Kombination mit anderen Formen vorliegt. Es ist also ein Alltagsphänomen, etwas, das immer anzutreffen ist, das ständig vor sich geht. Wir müssen also die Vorstellung fallenlassen, Rausch wäre die Ausnahme, der Sonderfall, überhaupt eine Entscheidung – bezüglich der Art und des Verlaufs von Rausch treffen Menschen Entscheidungen, daß sie sich überhaupt im Rausch befinden, bedarf hingegen wie die allermeisten Formen von Rausch keiner Entscheidung, sondern ist einfach ein Zeichen dafür, daß das Nervensystem lebt. Wenn ich diese Idee von der Ausnahme und der besonderen Kategorie mitmache, geh ich der ganzen Sache schon auf den Leim.

Dann kommt natürlich die Reaktion: “Was ist denn das noch für ein Begriff, wenn immer Rausch ist?” – Klar, was ist denn das für ein Begriff, wenn immer Atmung ist, wenn immer Verdauung ist? Wie soll ich denn da noch über verschiedene Nahrungsmittel und Rahmenbedingungen Aussagen treffen?

Ich will den Begriff also mal in dieser umfassenden Weise fassen, wie es ja offenbar geht, und auch den Verlockungen nicht nachgeben, immer schon eher abzubiegen und etwa die Universalität von Rausch wieder nur mit dem winzigen raumzeitlichen Ausschnitt der “alten Kulturpflanzen” und der “indigenen Stämme” zu erklären. Das ist zu eng und deshalb irreführend, außerdem ist es in der Auswahl und Terminologie oft auch ein ganz schöner Haufen romantischer Unfug.

Rausch ist einfach eine Fähigkeit des Nervensystems, vermutlich jedes Nervensystems, solange es die gibt, seit 3-400 Millionen Jahren nach heutigen Schätzungen – und nach all der Zeit hat sich diese Fähigkeit spezialisiert, ist so automatisch wie vielfältig geworden. So umfassend stellt sich das in etwa dar. Und damit kann ich mich natürlich nicht als der große Kulturverteidiger aufspielen, sondern muß erstmal zur Kenntnis nehmen, daß das die ganze Zeit schon in Betrieb ist – das müssen wir erst mal kapieren, das müssen wir erstmal akzeptieren, das müssen wir dann auch erstmal in die Debatte einspeisen, egal wie sehr das den Erwartungen und Verkaufschancen und Politikfeldern entgegensteht.

Im weiteren hätte der Vortrag im wesentlichen diesen Slides folgen sollen. Zum Schluß dann noch eine Bemerkung zum Motto der Veranstaltung, wie es auf den Flyern zu lesen war, Günter Amendts Satz, daß Abstinenz als “gesellschaftliche Zielvorstellung … Ausdruck einer totalitären Phantasie” sei.

Ende

Diese Idee von Abstinenz, in der Art, wie sie im Veranstaltungsmotto gefaßt wird, ist eben nicht nur wegen des zu schlichten Bildes von gesellschaftlichen Konflikten Unfug, sondern auch, weil Rausch aus Menschen nicht rauszubekommen ist – ein Nervensystem, das nicht im Rausch ist, ist höchstwahrscheinlich tot. Abstinenz wird doch aufgesucht, um bestimmte Rauschzustände herbeizuführen, ob sie nun so genannt werden oder nicht. Und auch wenn das nicht die Absicht ist, stellen sich durch die Abwendung von bestimmten Rauschauslösern dennoch andere Formen von Rausch und andere Präferenzen für Auslöser ein. Ich kann die Art des Rausches ändern, ich kann vielleicht auch die Intensität runterfahren (was für alle, die unter zuviel Rausch leiden, ja auch höchst wichtig ist), aber ich bekomme den Rausch insgesamt nicht weg.

Ebenso unsinnig ist es zu sagen, Abstinenz wäre nun eine spezifische Forderung totalitärer Herrschaft – jede Form von Herrschaft fordert irgendeinen selektiven Rauschverzicht, der aber in der Regel nicht wirklich durchgesetzt werden kann. Das ist ein konstitutives Merkmal von Herrschaft, ohne das sie einfach nicht funktionieren würde. Da ist keine Veranlassung für “Whoo-hoo, wir sind im Faschismus!” Da ist einfach Veranlassung für die überfällige Überwindung von Herrschaft, und nicht, weil sie irgendwo noch mal besonders schlimm ist, sondern weil sie immer Ausbeutung und Leid bedeutet.

by classless at 12 September 2014 , 09:36:02

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11 September 2014

classless

Meine nächsten Auftritte, quer durch die Botanik

  • ABGESAGT! Fr, 12.09.2014, Potsdam, Freiland, 18 Uhr: Rausch-Vortrag bei EntheoScience
  • Sa, 13.09.2014, Gotha, JU.W.E.L.: Auflegerei beim Antifa-Solitag der AAGTH (Ankündigung)
  • Do, 18.09.2014, Troisdorf, Jugendkulturcafé: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Fr, 19.09.2014, Stuttgart, contain’t: Vortrag Entschwörungstheorie, anschließend Auflegen (FB-Event)
  • Sa, 20.09.2014, Tübingen, Schelling: Vortrag Entschwörungstheorie
  • So, 21.09.2014, Nürnberg, (tba): Vortrag zu Lust, Rausch und Zweifel (FB-Event)
  • Sa, 04.10.2014, Marburg, Trauma: Vortrag Entschwörungstheorie (FB-Event)
  • So, 05.10.2014, Karlsruhe, AKK: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Mo, 06.10.2014, Freiburg, (tba): Vortrag Entschwörungstheorie
  • Sa, 18.10.2014, Halle, Reil78: Vortrag “Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalismus”, Konzert mit istari Lasterfahrer und anschließend Auflegerei (FB-Event)
  • Des weiteren in der Pipe: Interview bei The art of being many (24.-28.9., Hamburg), eventuell eine Veranstaltung zu Religionskritik in Wittenberg, noch einmal Entschwörung in Mannheim und einmal “Lust, Rausch und Zweifel” in Münster Ende Oktober.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Heuschrecken kommen nach Troisdorf lust rauschzweifel nürnberg flyer

    by classless at 11 September 2014 , 16:57:12

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    08 September 2014

    torsun

    Nach den Festivals startet die Indoor-Saison

    Ich hatte musikalisch betrachtet einen ganz ausgezeichneten Sommer mit Egotronic. Es war wirklich mächtig Alarm.
    Hier ein Paar Bilder:

    Festival St. Gallen


    Hurricane


    Deichbrand


    Folklore im Garten


    Juicy Beats


    Sonne, Mond & Sterne

    Noch einige wenige Festivals folgen, bevor es dann endgültig wieder in die Klubs geht.
    Hier die aktuellen Dates:
    19.09.2014 Festi-WIL Wittlich
    20.09.2014 Reeperbahnfestival Hamburg
    27.09.2014 Rock gegen Rechts Stralsund
    02.10.2014 Opernplatz Hannover
    03.10.2014 Werk 2 Leipzig
    04.10.2014 Haus der Jugend Düsseldorf
    24.10.2014 arena wien
    25.10.2014 Explosiv Graz
    31.10.2014 Erlangen – E-Werk Erlangen
    06.11.2014 Bremen – Tower Bremen
    07.11.2014 Schwerin – Komplex Schwerin
    08.11.2014 Kiel – Alte Meierei Kiel
    13.11.2014 Kassablanca Jena
    14.11.2014 Wiesbaden – Schlachthof Wiesbaden
    28.11.2014 Trier – Ex-Haus Trier
    29.11.2014 Kleine Freiheit Osnabrück
    05.12.2014 PMK Insbruck
    06.12.2014 47 Grad Festival Ravensburg

    Und zum Schluss:
    Schöne Pics rund um Egotronic findet ihr auf unserem TUMBLR-Fototagebuch!

    by kapsler hauser at 08 September 2014 , 12:54:02

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    06 September 2014

    cosmoproletarian solidarity

    Solidarität mit Kafiristan


    Keine andere Firma ändert so häufig ihren Markennamen: ... al-Qaeda in Iraq, Mujahideen Shura Council, Islamic State of Iraq, Islamic State of Iraq and the Levant (ISIS) und nun, wo das Kalifat als finale Unternehmung ausgeschrieben worden ist, Islamic State (1). Für europäische Antiimperialisten dagegen hieß sie noch an anderen Tagen, vereint mit jenen Koalitionären aus Nationaldjihadisten (2) und Baʿthisten, mit denen die ISIS jüngst Mosul eingenommen hat, „Irakischer Widerstand“. Ihm widmeten die Antiimperialisten ihre Solidarität. Das Gespräch, das Wilhelm Langthaler vom „Campo Antiimperialista“ im Juli 2007 für das antizionistische Fanzine „Intifada“ mit dem Iraker Abduljabar al-Kubaysi führte, ist nur eine unter vielen Apologien des Djihads im Irak. Kubaysis Erzählung aber, wie al-Qaida, rekrutiert aus djihadistischen Internationalisten, in weitgehend geschlossene Stammes- und Clanstrukturen einsickern konnte, könnte auch von kritischem Interesse sein.

    Als im Jahr 2003 ein drohender regime change ihr Interesse am Irak provozierte wurde der Exil-Iraker Kubaysi so manchen europäischen Antiimperialisten zu etwas wie ein Saddam Hussein zum Anfassen. Seit 1958 ein militanter Baʿthist drohte Kubaysi noch vor dem totalen Zugriff Saddam Husseins auf die Partei der nationalen Wiedergeburt, in Baʿth-internen Fehden aufgerieben zu werden, so dass er 1976 den Irak zu verlassen gezwungen war und nunmehr im Damaszener Exil den panarabistischen Parteiflügel repräsentierte. Nachdem er 1997 auch Syrien verließ, zog es ihn 2002 aus dem europäischen Exil wieder in den Irak, um dort in „einer Atmosphäre der Versöhnung mit den irakischen Patrioten“ um Saddam Hussein die irakische Reaktion auf einen drohenden regime change anzurichten. Von exilierten Genossen wurde Kubaysi vorgeworfen, als Baʿth-Milizionär mitverantwortlich zu sein für Morde an mehreren tausend Kadern und Sympathisanten der Irakischen Kommunistischen Partei im Jahr 1963. Kubaysi aktualisiertealsdann die Todesdrohung an die Überlebenden von „al-Anfal“, jener Militärkampagne, mit der die Baʿth-Despotie in den Jahren 1988 und 1989 das irakische Kurdistan überzog (3). Entweder würden sie der Kollaboration mit den US-Amerikanern abschwören und sich dem arabisch-islamischen Vaterland fügen oder sie werden für den Verrat büßen. Auch Kommunisten, die den Islam als Identitätskitt der Iraker bedrohen, markierte Kubaysi als Verräter und kitzelte damit den völkischen Instinktiv seiner europäischen Kameraden. Langthaler, einer der Initiatoren des Mordaufrufs „10 Euro für den irakischen Widerstand“, enttarntedie kommunistischen Dissidenten als Kulturzersetzer: Diese seien „was ihre politische Tradition und Kultur betrifft, durch und durch persisch“, an ihnen hafte der „Säkularismus der persischen Intelligenz“. 

    Waren es zunächst noch einstige Generäle und Offiziere Saddam Husseins, die die irakische Straße mit Blut tauften, sprach Kubaysi im Gespräch mit der „Intifada“ ohne jedes Bedauern aus, dass es nun womöglich al-Qaida sei, die nunmehr „die stärkste Organisation des Widerstands“ geworden ist. “Sie marschieren getrennt von allen anderen“, so Kubaysi, doch gebe es „lokale militärische Kooperation“ mit den Djihadisten. Es war als erstes Saddam Hussein, so Kubaysi, der sich durch den Irak schlich, um Stammesälteste und versprengte Offiziere zu kontaktieren, und den Loyalisten anbefahl, Nation und Islam, nicht aber sein eigenes Konterfei zu Symbolen des Widerstandes zu machen. Kubaysi würdigt die Askese der Djihadisten, ihr „spartanisches Leben"“ in dem alles dem Djihad „geopfert und untergeordnet“ werde. Durch einen nicht schwindenden Geldfluss - dazu, wo dieser entspringe, sagte Kubaysi nichts -  hätte sich al-Qaida bei den sunnitischen Stämmen eingekauft, aus denen sich noch zuvor – auch dazu sagt Kubaysi nichts - die Funktionäre und Profiteure des Baʿth-Apparates rekrutiert hatten.

    Der Baʿthist Kubaysi nimmt die Djihadisten von al-Qaida von jeder Schuld an dem konfessionellen Abschlachten aus. Die systematischen Morde an Schiiten seien keine Strategie, viel mehr nur „einige wenige Reaktionen“ auf Morde durch Schiiten, eine militante Defensive, die aber allen „Vernünftigen unter den Schiiten“ wissen lässt: beendet die Verdrängung der Sunniten aus Baghdad sowie die Kollaboration mit US-Amerikanern und Iranern oder aber ihr werdet „die Verantwortung dafür tragen müssen“. Heute bedarf die ISIS keiner Legitimation mehr. Wo sie herrscht, werden religiöse Minoritäten identifiziert, zur Konversion, Jizya oder Flucht gezwungen oder aber, bei Nichtbefolgung, mit dem Tod bedroht.   

    Neben dem USA und Israel sowieso markierte Kubaysi den khomeinistischen Iran, die Hizbollah sowie ihre irakischen Satelliten als Todfeinde des Iraks. Sie hätten Muqtada al-Sadr, dem klerikalen Ganglord aus den schiitischen Slums im Nordosten Baghdads, zur Kollaboration mit dem Kompradorenregime und zur Terrorisierung der Sunniten gedrängt. Seine Mahdi-Armee, so Kubaysi, sei  weitgehend von Iranern infiltriert. Die Satelliten Irans würden nicht nur jeden töten wollen, den sie verdächtigen, Baʿthist zu sein, sie würden auch durch die Einschleppung von Prostitution und Rausch die kulturelle Integrität der irakischen Stämme untergraben. Nicht, dass den europäischen Antiimperialisten irgendetwas daran irritiert hätte, was Kubaysi zu al-Qaida im Irak äußerte. Sie bewarben die virtuelle al-Qaida wie „Jihad Unspun“ und horchten ehrfürchtig der Erzählung eines Halsabschneiders, wie die baʿthistische Todesschwadrone Saddam-Fedajin, die Opferbereiten Saddam Husseins, die abgetrennten Köpfe getöteter US-Amerikaner als Trophäe präsentierten. Viel mehr noch drohten im deutschen Zentralorgan der „Irakischen Résistance“ jene für Halabja und andere Bestialitäten verantwortliche „ehemalige Generäle Saddam Husseins“ jedem mit dem Tod, der auch nur ein Laken für einen US-Amerikaner falze: „Iraker oder nicht, es sind Verräter.“ Am effizientesten, so die Apologeten des Todes, schlüge die „Kamikaze“ zu, eine Todesschwadrone von etwa 5.000 Märtyrern, die nur „einen mündlichen Befehl“ bräuchten, um den Irak nichts als geschmolzenes Metall und dem beißenden Geruch nach verbranntem Fleisch zu vermachen. Eine Rivalität der Baʿthisten zu den Djihadisten hätte es allein darin gegeben, wer mehr US-Amerikaner und ihre Kollaborateure tötete.

    Der Irak wurde wie in den 1980ern Afghanistan ein Laboratorium djihadistischer Höllenhunde. Die Rache der sunnitischen Stämme zwischen Haditha und Tikrit, Ramadi und Fallujah für die Verdrängung aus den Funktionen des Apparates traf sich mit der Generalmobilmachung salafistischer Djihadisten, die in den Ruinen der Baʿth-Despotie das geeignete Terrain – ein extensives System von Expresstraßen, das den ausschweifendem Gebrauch von IEDs (Improvised Explosive Devices) und Kamikaze-Kommandos heraufbeschwörte - vorfanden als auch die unter Saddam Hussein ausgereizte konfessionelle Entzweiung von Shiah (schīʿat ʿAlī: „Partei Alis“) und ahl as-sunna („Volk der Tradition“). Djihadistische Internationalisten kamen zu Tausenden zum Begräbnis des post-baʿthistischen Iraks und grub sich unter vielsagenden Namen wie Brigades of Monotheism and Religious Conservatism, Conquering Army, Assembly of the Helpers of Sunnah, Wakefulness and Holy War oder Secret Islamic Army im Irak ein, während die geschlagenen Baʿthisten und Loyalisten Saddam Husseins Mimikry betrieben und sich in Rackets reorganisierten, die in ihrer Rhetorik kaum von den Djihadisten zu unterscheiden sind. Izzat Ibrahim al-Duri, baʿthistischer General und Saddams engster Vertrauter, etwa organisierte mit den Sheikhs des berüchtigten Tarikats der Naqshbandi eine gleichnamige Armee und die Armee Mohammeds fungierte als militanter Flügel der versprengten irakischen Baʿth-Partei. Unterdessen schnürte sich, toleriert von den US-Amerikanern, der Zugriff der Khomeinisten auf die irakische Shiah weiter zu. Schiitische Todesschwadronen von der Asa'ib Ahl al-Haq bis zur Mahdi Army infiltrierten Polizei und Paramilitärs, jagen seither Homosexuelle, Prostituierte, unverschleierte Gebärmaschinen sowie unverheiratete Pärchen und markieren die verbliebenen Sunniten in den schiitischen Viertels Baghdads als Sühneopfer dafür, dass andauernd Schiiten durch die djihadistische Kamikaze in den Tod gerissen werden. Während die Ruinen des Staatsapparates nur noch mehr von Rackets der Shiah und folglich durch die Interessen der khomeinistischen Despotie Iran ausgehöhlt werden, perfektioniert al-Qaida und das über sie hinauswachsende Sidekick namens ISIS die Technologien des Todes – allein im vergangenen Jahr kam es im Irak zu 537 car bombings und 238 suicide attacks.

    Im syrischen Schlachten fanden sie sich alle wieder ein: die schiitischen Apokalyptiker aus dem Irak, die Asa'ib Ahl al-Haq und Kata'ib Hezbollah etwa, die der khomeinistische Iran zur Flankierung der syrischen Ba'th-Despotie nach Syrien abkommandiert hat sowie ihr verhasster Zwilling, die salafistischen Djihadisten (4). Es ist dabei ein antiimperialistischer Mythos, dass das Assad-Regime für ein modernes, säkulares Syrien gegen die sunnitischen Djihadisten einsteht. Phillip Smyth dokumentiert auf Jihadology.net: Hizballah Cavalcade ausführlich wie in Syrien schiitische Djihadisten aus dem Libanon, dem Irak und Iran aufmarschieren und für ein Überleben des Regimes ihr Leben geben. Sowieso ist es ein Mythos, dass das Assad-Regime ein Garant gegen die Islamisierung Syriens ist. Die Alawitisierung des Ba'th-Regimes, das heißt: die Einnahme der zentralen Funktionsstellen durch Angehörige der religiösen Minorität, ging einher mit der Islamisierung der Alawiten, die flankiert vom Küstengebirge vor allem im westlichen Gouvernement Latakia leben. Das Misstrauen der sunnitischen Autoritäten und das aggressive Agitieren der Muslimbrüder unter den vom Staatsapparat ausgesperrten Sunniten zwang Hafiz al-Assad zur Selbstverleugnung. Die alawitische Praxis wurde nunmehr diskriminiert und die religiöse Minorität der Alawiten selbst einer Missionierungskampagne unterworfen. Demonstrativ betete al-Assad von nun an in der Moschee. Sein Sohn Bashar dagegen protegiert die Schiitisierung der Alawiten. Mit Kapital aus dem khomeinistischen Iran entstanden in Syrien Reliquienschreine schiitischer Heiligenfiguren, die jährlich von tausenden regimetreuen Iranern aufgesucht wurden. Während die Unterdrückung alawitischer Praxis andauerte bei simultaner Inszenierung Assads als Protektor der Minoritäten, lockte die Konversion zur Shiah mit Importbräuten aus dem Iran (sieheIZ3W, #332/2012).

    Auffallend ist, dass sich die ISIS weniger an den Loyalisten al-Assads aufreibt, sie sich viel mehr darauf konzentriert, einerseits die islamistische Konkurrenz sowie die nationale Free Syria Army in Grabenkämpfe zu zwingen und andererseits eines der letzten Refugien Syriens einzunehmen, in dem der Irrsinn noch nicht triumphiert hat: Syrisch-Kurdistan (Rojava). Ihr Sozialwesen – Körperamputationen plus Elektrizität – finanziert die ISIS über die kommenden Industrien des 21. Jahrhunderts: Okkupation von Bohranlagen und Staudämmen mit anschließendem Verkauf der knappen Ressourcen an die feindliche Zentralgewalt, Plünderung von Bankreserven, Geiselnahmen (wobei die Wertigkeit etwa eines nepalesischen Malochers bei nahezu null liegt, dieser also direkt dem Scharfrichter zugestellt wird, ein Franzose oder Brite aber Humankapital im wahrsten Sinne ist), Erpressung von religiösen Minoritäten (islamisch legitimiert: Jizya) sowie natürlich Fundraising und social Networking (siehedes Weiteren: Tomasz Konicz). Die widersprüchlichen Interessen des türkischen Regimes der Muslimbrüder, des syrischen Assad-Regimes sowie des khomeinistischen Irans provozieren nur einen weiteren Wildwuchs der ISIS:

    Erdoğan toleriert den Zustrom der Djihadisten der Organisationen al-Nusra, Liwa al-Tawhid und ISIS über türkisches Staatsterritorium nach Syrien. Während in den vergangenen Monaten Geflüchtete und andere Grenzgänger von türkischem Militär ermordetund verstümmelt wurden, bewegen sich Djihadisten ungezwungen von einer Seite zur anderen als wäre ihr postnationales Kalifat noch dieser Tage Realität. In Karkamış, gelegen in der an Syrien angrenzenden Provinz Gaziantep, verfügedie ISIS zudem über ein eigenes, von türkischem Militär flankiertes Trainingscamp. Dem türkischen Erdoğan-Regime sind die Djihadisten eine nunmehr etablierte Methode, ein säkulares Kurdistan unter Druck zu halten (5). Nahezu alle Organisationen des politischen Islams in der Türkei mobilisieren unter dem Label „humanitarian aid“ für den Djihad in Syrien: etwa Özgür-Der, Kalem-Der, İmkan-Der, Vahdet Vakfı oder HÜDA-PAR. Allein die Yardım Vakfım alias İHH (Foundation for Human Rights and Freedoms and Humanitarian Relief), die regime-nahe Benefiz-Sparte von Milli Görüş, habe mehr als hundert britische Djihadisten an die syrische Front geschleust sowie hunderte junge Türken rekrutiert. Währenddessen schraubt das Erdoğan-Regime die Blockade des syrischen Kantons Kobanî, in dem über 200.000 Geflüchtete sich aufstauen und das von der ISIS bedrängt, weiter an (sieheetwa die letzte UN-Resolution). Darin, welchen der konkurrierenden djihadistischen Organisationen in Syrien – etwa Ahrar ash-Sham, Jabhat al-Nusra oder ISIS – das türkische Fundraising vorrangig gilt, ist kaum einzusehen.

    Das Assad-Regime amnestierte noch zu Beginn der Revolte hunderte Djihadisten mit dem Kalkül, diese würden die Opposition mehr schädigen als es selbst bedrohen und natürlich um das Alibi geliefert zu bekommen für das gnadenloses Vorgehen gegen jede Opposition. Die berüchtigten Fassbomben (Barrel bombs), mit denen das Assad-Regime anderswo kaum mehr hinterließ als Ruinen und Leichengestank, sparten die Frontverläufe der ISIS zunächst systematisch aus. Es dauerte bis zur Einnahme Mosuls, also bis zur Tangierung iranischer Interessen im Irak, dass Assad die Bombardierung der ISIS-Kommandozentrale im syrischen ar-Raqqa anbefahl. Die sich in die Länge ziehenden Korsos, auf denen die ISIS ihre Beute aus dem Irak vorführte, waren dagegen nicht betroffen.

    In einem Gesprächmit Mutlu Çiviroğlu charakterisiert Sipan Hemo, „commander-in-chief of the People's Protection Units (YPG)“, die Interessen des khomeinistischen Irans als Strategie einer weiteren Eskalation des konfessionellen Konflikts. Die khomeinistische Despotie verfolge mit ihr, sich als Souverän des schiitischen Halbmondes, der sich vom Iran über den Irak bis zum Südlibanon erstreckt, zu installieren. Die ISIS fungiert der khomeinistischen Despotie hierbei als Komplementär. Es scheint in ihrem Interesse zu sein, dass es die ISIS ist, die nun den Hass der irakischen Sunniten auf das schiitischen Maliki-Regime in Baghdad orchestriert. Exemplifiziert die syrische Katastrophe doch wie die ISIS noch die ideologisch engsten Verwandten, etwa das al-Qaida-Geschwisterchen  Jabhat al-Nusra, in Fehden aufreibt und jede Opposition sprengt. Nach der Einnahme Mosuls und Bedrohung Baghdads durch die Djihadisten drohte Teheran noch mit militärischen Konsequenzen – und als Regionalpolizist wird der Iran inzwischen auch in Washington D.C. und Berlin favorisiert. Doch bei großmäuligen Drohungen blieb es dann auch. Iranische Drohnen kreisen über das der irakischen Zentralgewalt entrissene Territorium, doch von Bombardements der Karawanen aus Djihadisten und erbeutetem Mordmaterial – M198-Haubitzen, Humvee's und andere US-amerikanische Hochtechnologien – wurde bislang abgesehen.

    Ohne diese Zwieschlächtigkeit in den Interessen des türkischen Muslimbrüder-Regimes, der Assad-Despotie sowie des khomeinistischen Irans wäre es kaum zu dem Landgewinn des „Islamic State“ gekommen. Die Pseudofront zwischen diesen Mimen wäre wahrlich als Verschwörung zu charakterisieren, würde dadurch nicht verdunkelt werden, dass der „Islamic State“ weniger das Produkt anderer Interessen ist als das eines Racketisierungsprozess, dem viel mehr mit den Kategorien Krise und Ideologie nachzugehen wäre. Die Djihadisten sind die authentischen Liquidatoren einer absolut ruinösen Modernisierung in den arabischen Staaten (und nicht nur dort), viel mehr: einer Modernisierungsattrappe, dessen Einknicken auch nur durch die Repression des al-Mukhabarat, der politischen Polizei, so lange hinausgezögert werden konnte. Was sich an dem „Islamischen Staat“ exemplifiziert ist die Entgrenzung eines konfessionellen Bandenwesens, welches zuvor noch national integriert war. Die „Alawitisierung“ des syrischen Regimes oder die Sunnitisierung des irakischen Baʿth—Regimes unter Saddam Hussein gehorchte dem objektiven Zwang, sich eine absolut loyale Basis als Staatsmaterial zu halten. Wurde der Staatsapparat auch konfessionalisiert, war die herrschende Clique doch gezwungen, darüber den Schleier eines überkonfessionellen syrischen oder irakischen Nationalismus zu legen.

    Die Khomeinisten waren die ersten, die die beschädigte Modernisierung liquidierten und sie verscharrten,wie die Kritiker ihrer Despotie, auf den Totenäckern eines islamisierten Irans. Die khomeinistische Despotie gehorcht - wie denn auch anders - den Imperativen kapitalistischer Reproduktion und vereinnahmt die moderne Technologie zum Zweck der Repression, doch ihr primärer Drang ist nicht mehr der nach Anschluss an die Konkurrenz: sie verfolgt eine regressiv versöhnte Ummah, die im Tod für den Imam das Unglück in der kapitalistischen Konkurrenz austreibt. Die „Islamische Revolution“ im Iran 1979 brach nicht nur mit jedem Modernisierungsversprechen, anders als etwa die auf Rhetorik begrenzte panarabische Ideologie der Baʿth-Regime verfolgten die Khomeinisten von Beginn an die Entgrenzung ihrer Despotie (6). In Folge des ersten al-Quds Tages selbigen Jahres unterzog Imam Khomeini sich und seinem Projekt der “Islamischen Revolution” einer radikalen Selbstkritik.Weder die Revolutionsgarden noch er selbst hätten die Revolution konsequent zu ihrem Ende geführt. Wenn doch, sie hätten jedes widersprechende Wort zum Verstummen gebracht, über jeden Dissidenten gerichtet und jede andere Partei als die ihrige zerschlagen. Wären sie konsequent revolutionär, so Khomeini, existiere es nur noch eine Partei: die Hezbollah, die Partei Gottes. Der von Khomeini ausgerufene al-Quds Tag – und hier spricht sich der Antisemitismus wieder als die zum Furor eskalierende Denkform der Konterrevolution aus – sollte das Ende aller Inkonsequenz markieren. Von nun an, so Khomeini weiter, folgen sie Imam Ali: „Er zog sein Schwert gegen die Verschwörer. Es ist überliefert, dass er siebenhundert Juden an einem Tag tötete. Die Verschwörer sind Ungläubige. Auch die Verschwörer in Kurdistan sind Ungläubige.“ Was folgte war die Menschenschlacht mit dem irakischen Ba‘th-Regime, eine durchs Exekutionskommando erpresste Grabesruhe im Inneren, die Liquidierung der „Verschwörer“ in Iranisch-Kurdistan wie im erzwungenen Exil – und jedes Jahr ein Aufmarsch in Teheran und Beirut, London und Berlin, auf dem das Ende des „Krebsgeschwürs“ Israel simuliert wird. Die Hezbollah dagegen wurde nie „die einzige“ Partei der Muslime, wucherte aber durch iranisches Geld, syrische Logistik und russische Artillerie zu einem eigenen khomeinistischen Staat im Libanon. Der von ihr zu verantwortende Body Count im Judenmord – etwa das AMIA bombing am 18. Juli 1994 im argentinischen Buenos Aires - brachte ihr vorübergehend auch unter sunnitischen Antisemiten Prestige ein (6), konnte aber über die konfessionellen Gräben (und den geopolitischen sowieso) nicht täuschen. Seit dem Einmarsch der Hezbollah in Syrien auf der Seite des “gottlosen” Assad-Regimes wird Hasan Nasrallah, Generalsekretär der “Partei Gottes” und Ikone der „Achse des Widerstandes“, nunmehr in salafistischen Predigten zwischen Kairo und Karachi „Satan“ und nahezu sinngleich: „Sohn der Juden“ gerufen. Einzig im schmalen Gazastreifen verfügt der Iran noch über sunnitische Satelliten: die Hamas sowie der Islamische Djihad, beide dem Schoss der ägyptischen Muslimbrüder entkrochen, denen auch kaum jemand anderes bleibt als der Iran. Zunächst verkalkulierte sich die Hamas und verriet das Assad-Regime, um sich in die Abhängigkeit des ägyptischen Muslimbrüder-Regimes zu begeben, das inzwischen von der eigenen Repression eingeholt worden ist. Das heutige ägyptische Militärregime führt die Hamas nunmehr als “terroristische Organisation”, während das syrische Assad-Regime und die Hezbollah die Hamas beschuldigen, die “wahre Achse des Widerstandes” verraten zu haben und den syrischen Muslimbrüdern beizustehen. Und dann war auch noch Katar, wo das Parteibüro der Hamas residiert, gezwungen, nachdem Millarden Dollar, mit denen das Emirat die ägyptischen und tunesischen Muslimbrüder sponserte, versandet sind und die syrische Hölle unersättlich in sich hineinfrisst, ihre Generösität gegenüber der Hamas zu korrigieren. Das türkische Regime der Muslimbrüder orchestriert einerseits die Hetze gegen Israel. Mit Ritualmordlegenden bedient Erdoğan das antisemitische Brüllvieh und beschuldigt Israel eines “systematischen Genozids” an den Palästinensern – als wäre es nicht die Türkei, die als Staat in der Ausrottung der anatolischen Christen gründet. Wie in Syrien ergänzen sich hier türkische Staatspolitik und die Graswurzel-Organisationen des Politischen Islam: Fehmi Bülent Yıldırım, Präsident der notorischen İHH, visiertdie noch verbliebenden türkischen Juden an und droht ihnen, soweit sie sich nicht von Israel distanzieren, mit Pogromen. Es war auch die İHH, die die Attacken auf die israelischen Repräsentanzen in Istanbul und Ankara koordinierte. Jüngst riefdie Organisation zu einer neuen Märtyrer Flotille nach Gaza auf. Andererseits ist die Türkei als NATO-Staat daran gehindert (oder auch nicht daran interesiert), jenes Mordmaterial zu liefern, mit dem die Hamas ihren Djihad führt. Hierzu bedarf es nach wie vor dem khomeinistischen Iran. Und so ist es iranische Technologie & Logistik (BM-21 Grad, M302 rockets etc.), mit denen Hamas und PIJ allen anderen einen Djihad aufoktroyieren, der nichts anders verheißt als den Tod der Mikroben und Bakterien, welche ihnen die Juden sind, und die tugendsterroristische Verwahrung der Eigenen.

    Und so hat endlich auch der Tod von 170.000 Menschen – begraben unter den Fassbomben Assads oder hingerichtet durchs djihadistische Kopfschusskommando – noch seinen Sinn, wenn auch einen unmenschlichen, zynischen Sinn. Fotomaterial aus der syrischen oder irakischen Hölle findet im Moment exzessiv Verwertung, um mit ihm dem Objekt anzukreiden, wonach der zwanghaft Projizierende selbst verlangt: den Tod des Anderen. Und so brüllen in diesen Tagen „Israelkritiker“ durch die Straßen: „Chaibar, Chaibar, ya yahud, dschaisch Mohammed saya'ud“ („Chaibar, Chaibar, oh ihr Juden, die Armee Mohammeds wird wiederkommen“*) und „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ und so marschieren potenzielle NSU-Opfer und deutsche Nazis vereint gegen die „jüdische Bestie“. Und während im hessischen Frankfurt die Polizei den Antisemiten das technische Equipment überlässt und durch das Chassis „Kindermörder Israel“ und „Allahu Akbar“ dröhnt, werden Polizisten in Essen von verhinderten Pogromisten als Zionisten beschimpft, weil diese eine Synagoge abschirmen. Ohne dass an der syrischen Front der Tod durchs Schrapnell und das konfessionelle Abschlachten im Irak auch nur für einen Moment ruhen, finden sich im Hass auf die Emanzipationsgewalt der Juden, den Staat Israel, alle wieder vereint. Solidarität mit den Menschen, die in der Hölle Gaza zu leben gezwungen sind, würde darüber trauern, dass das perfide Kalkül der Hamas wieder aufgegangen ist, darüber, tote Kinder als Lebenselixier ihrer Despotie zu produzieren. Solidarität mit den Palästinensern würde nach dem Aufstand gegen die Hamas, den Islamischen Djihad und alle anderen Rackets rufen, auf dass diese nie wieder ihre Artillerie zwischen den Behausungen jener eingraben, deren Tode sie propagandistisch verwerten.

    Was die Antizionisten in allen ihren Variationen – seien es nun die veritablen Pogromisten des Alois-Brunner-Gedenkkorps oder die Internationalisten aus der Kasseler Germaniastraße -  den Menschen androhen, die in Syrien zwischen Ba'ath-Despotie und ihrer djihadistischen Konkurrenz aufgerieben werden, ist bei allen dasselbe: nationale Souveränität. „Entscheidungen nur durch das syrische Volk“,  beharren etwa deutsche Nazis, bei denen unstrittig ist, wer in Syrien dieses Abstraktum Volk konkretisiert: Bashar Hafez al-Assad. Und das internationalistische „Solidaritätskomitee für Syrien“ aus Frankfurt macht seine Solidarität "mit dem syrischen Volk" davon abhängig, inwieweit dieses "hinter seiner Führung“ stramm stehe. Assad widerstünde, so die Führerphantasie, sich der Verantwortung durch den Gang in "ein 'goldenes' Exil" zu entziehen, viel mehr personifiziere er "Einheit und Einigkeit des syrischen Volkes". Der antiimperialistische Souveränitätsfetischismus entspringt nicht etwa dem Gedanken, der entgrenzenden Racketisierung irgendwie noch Herr zu werden – und sei es mit polizeilichen, also staatsterroristischen Methoden. Dieser entspricht viel mehr der Akzeptanz eines Irrsinns, in der sich etwa die khomeinistische Despotie unter der Totalität des Kapitals als das absolut Andere suggeriert, aber nichts mehr fürchtet als den Ausschluss von den Märkten oder, wie die ISIS, aggressiver als jede Konkurrenz Kapital akkumuliert. Es ist eine der fatalsten Neigungen des kriselnden Subjekts, sich und das Kollektiv, in das es national, völkisch oder religiös versackt ist, abseits der Totalität des Kapitals zu halluzinieren und Kapital und Krise im Objekt zu personifizieren. So akkumuliert das Subjekt das Moralin, womit es verschleiert, dass sein eigener bornierter Zweck nur die Akkumulation von Kapital ist – wenn es denn nur eine Funktion einzunehmen vermag. Dass die Krise ein Fremdkörper sei und dieser „jüdisch“, ist der Kern des Antisemitismus als präventive Konterrevolution. Diese pathisch indolente Gattung Mensch hungert nach der Figur “des Juden” als Alibi für das Unglück, das sie selbst Tag für Tag reproduziert.

    Es scheint als wäre dieses Deutsch-Europa verdammt, die archaische Hölle anderswo in seinen eigenen perfiden Varianten zu reproduzieren - ohne mit ihr in eins zu fallen. Bedroht von 'zigeunerischen Untermenschen', deren als kollektiv unproduktiv identifizierte Population rasant zunehme, und terrorisiert von 'jüdisch-bolschewistischen, schwulen und geldheckenden Übermenschen', dem ewigen Béla Kun, der die Magyaren um die nationale Identität von Krone, Pfeil und Kreuz bringe, formieren sich etwa in Ungarn völkische Rackets, von denen eines nicht von ungefähr HAMASZ heißt. Die pogrom-faschistische Goldene Morgendämmerung dagegen verfolgt nach Selbstausage, eine griechische Variante der libanesischen Hezbollah zu werden. Im Hass auf die Juden und Israel sowieso inspieren sich Nazis und Islamisten, Panarabisten und antiimperialistische Internationalisten gegenseitig. Und so propagierte der norwegische Egoshooter-Djihadist Breivik noch in seinem Hass auf muslimische Immigranten eine “al-Qaida für Christen”.

    Die europäischen Souveräne tragen das ihrige dazu, dass die nach Europa Geflüchteten keine Freude haben an dem Entkommen vor dem unmittelbaren Zwang und sie in der erdrückenden Enge resignieren. Er rationiert ihr tägliches Brot, um an ihnen vorzuführen, dass Subjektivität ein Privileg ist und ohne völkische Zertifizierung keine Garantie hat. Er hämmert ihnen ihre Überflüssigkeit vor dem Kapital wieder ein, um über die konstitutive Fungibilität der mit ihm identifizierten Subjekte zutäuschen. In der Schweiz etwa, diesem Idyll wider die Krise, werden Geflüchteten zunehmend in unterirdischen Militäranlagen kaserniert. Es ist als würde mit dem Entzug von Tageslicht das Entkommen aus der afghanischen, syrischen oder somalischen Hölle sanktioniert werden. In der oberirdischen Anlage Bremgarten haben die Asylsuchenden nur zwischen neun und siebzehn Uhr Ausgang. Als würde der schweizerische Souverän jede Regung im Blick haben wie anderswo die tugendterroristische Agenturen aus Familie und Racket kontrolliert ein eigener Sicherheitsdienst das Stadtgebiet im Kanton Aargau, durchstreift es nach Abtrünnigen und horcht über einer Hotline jeder rassistischen Denunziation seitens der Autochthonen. Den Geflüchteten sei keine einzige Minute gegönnt, den Moralterror der Taliban, al-Shabaab und anderer aus den Gedanken zu bekommen, und so ist ihnen noch der Besuch des städtischen Schwimmbades untersagt. Der einzige Antirassismus, der im Europa der nächtlichen Abschiebekommandos und grenzkontrollierenden Roboter noch zu haben ist, heißt nicht Garantie auf ein menschenfreundliches Exil für die vor der islamischen Despotie Geflüchteten, er heißt immer nur Einfühlung in die Ideologien und Apparate derer, die am hysterischsten brüllen, das heißt: Kollaboration mit oder mindestens Beschwichtigung gegenüber dem politischen Islam.

    Die Hoffnung harrt im Moment im syrischen und irakischen Kurdistan aus. Nicht dass dort die Zentralisation von Souveränität sehr viel unblutigere Formen als anderso angenommen hat (8), so wird hier doch der obskurantistische und völkische Irrsinn dahingehend durchbrochen, dass von der YPG, dem militanten Arm der Partiya Yekitîya Demokrat (PYD), in Syrisch-Kurdistan, und den Pershmerga in Irakisch-Kurdistan die Menschen in den von ihnen beherrschten Territorien in Absehung ihrer Blutsenge vor der djihadistischen Aggression der ISIS verteidigt werden. Tausende Christen fliehenim Moment unter das Protektorat beider Milizen, nachdem die ISIS in Raqqa und Mosul die Christen dazu aufrief, entweder zu konvertieren, sich der Jizya zu unterwerfen oder den Tod entgegen zu gehen. Anders als die US-Amerikaner zwischen 2003 und 2011 kommen YPG und Pershmerga auch der Verantwortung nach, die physische Existenz von Christen, Yeziden und anderen Minoritäten zu garantieren. Und so sind es in Rojava auch christliche Assyrer, die sich innerhalb der YPG militant organisieren.  Mag es unter dem Antlitz Abdullah Öcaclans auch etwas zwieschlächtiges und ideologisches anhaften, das Versprechen, dass sich die Rekrutinnen der YPJ geben, „Jin Jiyan Azadî” (Frau – Leben - Freiheit),  ist angesichts der Frauenverachtung und Todesbeschwörung der Djihadisten, “Wir lieben den Tod wie ihr das Leben” , jener militante Konter auf die islamistische Agression, der keinen Zweifel daran lässt, was es vorrangig zu verteidigen gilt: nicht die Scholle, nicht die inzestiöse Blutsenge, allem anderen voran die Hoffnung auf ein besseres Leben. Gäbe es also mit Blick auf die syrische Schlächterei noch Adressaten für zivilisatorische Forderungen und wäre zudem das Banner der „internationalen Solidarität“ nicht längst von djihadistischen Apokalyptikern und antiimperialistischen Faschisten okkupiert, die Forderung müsste diese jene sein: Gebt den Menschen in Kafiristan, dem Land der Ungläubigen, wie die Djihadisten Kurdistan rufen, alles nötige, um ihr Leben zu verteidigen.


     
    (1) Ich werde im Folgendem bei der Abkürzung ISIS bleiben.
    (2) Als da wären etwa die salafistischen und nationalislamistischen Organisationen Islamic Army, Mujahideen Army, Ansar al-Sunna,1920 Revolution Brigade und Hamas of Iraq.
    (3) Vor dem Mordauftrag „Al-Anfal“, inspiriert von der Koransure: „Die Beute“ , sprach das Baʿth-Regime ein letztes Ultimatum aus: Entweder würden sich die Abtrünnigen der irakischen Nation fügen, mit der Konsequenz einer Zwangskasernierung unter dem strengen Regiment des baʿthistischen Militärs, oder sie würden aus der irakischen Nation herausfallen und als Deserteure gelten. Desertion aber wurde im Irak Saddams, wie auch woanders, mit dem Tod geahndet. Der Tod durchs Gas war integriert in die „al-Anfal-Kampagne“, in der das Baʿth-Regime Arabisierung und Pazifizierung des abtrünnigen Hinterlandes im nördlichen Irak, das abwechselnd als „israelische Enklave“  oder „5. Kolonne der Perser“ denunziert wurde, kombinierte. Allein in Halabja wurden am 16. März 1988 bis zu 5.000 Menschen ermordet als das Baʿth-Militär Sarin und andere toxischen Chemikalien regnen ließ. Die deutsche Flanke der Baʿth-Killer trug hier staatsmännische Züge. Karl Kolb aus der hessischen Provinz etwa diente mit einer Gaskammer, in der die tödlichen Konsequenzen von Chemikalien an Vieh bewertet werden konnten. Südlich von Samarra hatte das Baʿth-Regime noch zu Beginn der 1980er in einer 160 Quadratkilometer großen Sperrzone Pestizide zur „Absicherung der Dattelernte“ zu produzieren begonnen. Involviert war etwa der bayrische Industrielle Anton Eyerle, der in Saddam Hussein einen würdigen Nachkommen Adolf Hitlers ersah. Für den Einkauf der brisanten Waren wurde noch am 17. April 1984 die Tarnfirma W.E.T. in Hamburg initiiert, in der mindestens ein Mann des BND involviert war. Die europäischen Antiimperialisten folgten in ihrer Solidarität mit dem „Irakischen Widerstand“ – ohne auch nur im kleinsten deren ökonomische und politische Potenz zu haben – auf die deutschen Todeskrämer, die in den 1980 dem Baʿth-Regime das technische Detail lieferten für dessen Schlacht gegen „Juden, Perser und andere Insekten“.
    (4) Doch nicht nur der Touristikzweig des Djihads prosperiert in der syrischen Hölle, auch einige der Militantesten unter den europäischen Neofaschisten finden sich dort ein, wo sich noch im hemmungslosen Blutbesäufnis von einer 'antiimperialistischen Front gegen Israel' phantasieren lässt: Falangisten aus Polen, die berüchtigte italienische Casa Pound, die griechische Gregor Strasser-Jugend von Makros Krinos und andere verbrüdern sich - etwa als „European Solidarity Front for Syria“ - mit dem Baʿth-Regime und beschwören eine eurasische Front mit al-Assad, Hizbollah und dem khomeinistischen Regime Irans. Einige griechische Nazis hätten nach Selbstaussage sich der Hizbollah in al-Qasr angeschlossen und mindestens elf Kameraden der antiziganistischen Pogromistenpartei Jobbik wären in Syrien als Märtyrer gestorben.
    (5) In den 1990er Jahre nahm die Hizbullahî Kurdî eine ähnliche Funktion ein wie heute die Djihadisten der al-Nusra Front und der ISIS in Syrisch-Kurdistan: die Terrorisierung der säkularen Konkurrenz. Bis zu 2.000 Menschen ermordete diese „Partei Gottes“ in jenen Jahren. Die Getreuen Öcalan, deren Reihen am schwersten von den Fememorden betroffen waren, reagierten staatsmännisch, das heißt: mit Militanz und Beschwichtigung. Sie überfielen, um die Morde an ihren Kadern zu rächen, Dörfer in denen die Hizbullahî Kurdî sich eingegraben hatte, und präsentierten sich selbst als Volkspartei, die die „religiösen Gefühle“ der Muslime achten würde. So war es das Gefolge Öcalans, das nicht nur die Parteikader zur sexuellen Askese und Entbehrung zwang, viel mehr in den Provinzen des Südostens jeden Verkauf von Alkohol zu untersagen drohte. Ihre Konkurrenz hieß Refah, die Milli Görüş-Partei von Erdoğans Ziehvater Necmettin Erbakan, die in der ersten Hälfe der 1990er viele Provinzen der südöstlichen Türkei einnahm und die atheistische PKK zwang, sich selbst als den Islam achtend zu präsentieren.
    (6) Wie Saddam Hussein, das Assad-Regime und die palästinensischen Rackets wussten auch die Khomeinisten noch in den ersten Tagen ihrer „Islamischen Revolution“ ein Gros der antimperialitischen Internationalisten hinter sich. Brian Grogan, Generalsekretär der britischen Sektion der „Vierten Internationalen“ etwa brüstete sich damit, dass er in Teheran auf Protestmärsche gegen das Shah-Regime „Allahu akbar“ rief und auf seinem Gepäck das Antlitz Khomeinis trug. „Gott ist groß“, so Grogan, hieße, das Volk ist stärker als die Armee des Shah. Nach Workers Power, ein Derivat der „Fünften Internationalen“, hat der Anschluss an die Khomeini-Aufmärsche „de facto eine antimilitaristische Einheitsfront“ zur Folge gehabt. Wahrhaft antimilitaristische Sabotageaktionen oppositioneller Iraner dagegen denunzierte die Socialist Worker Party als Dolchstoß. Sie alle geiferten dort gegen den “kulturellen Imperialismus” und für die “kulturelle Identität”, wo Kultur als erstes religiöser Obskurantismus und Zwang unter die Blutsenge heißt. Cindy Jaquith, Parteifunktionärin der US-amerikanischen Socialist Workers Party, etwa erhob den Chador zum Symbol des Widerstandes. Khomeini, so Jaquith, drücke die „nationalistischen und antiimperialistischen Gefühle” der Muslime aus  – es war ihr ein Kompliment. Dem Campo Antiimperialista ist bis heute der Hijab kein aufgezwungenes Grabtuch der Sinnlichkeit: viel mehr „ein Symbol der sich befreienden Frau“ gegen „imperialistische Assimilierung“, worin sich auch die Denunziation jener Dissidentinnen auspricht, die es riskieren, wider der islamischen Sexualmoral über sich und ihr Leben selbst zu entscheiden.
    (7) Aus Kadern der Muslimbrüder rekrutierte sich die Bewegung des Islamischen Djihads in Palästina, die von nun an die Schriften Khomeinis denen der ägyptischen Väter vorzogen. Und in der Türkei provozierte die Islamische Revolution die eine oder andere Spaltung innerhalb der sich formierenden anti-laizistischen Reaktion. Cemalettin „Hocaoğlu“ Kaplan, der noch 1977 für die Partei Necmettin Erbakans antrat und dem von diesem dann die Erbauung der Türken in der Diaspora überantwortet worden ist, verließ im deutschen Exil Milli Görüs und entzog ihr als „Khomeini von Köln“ den Zugriff auf eine beachtliche Anzahl von Moscheen und Gläubigen. Hocaoğlu verachtete den von Erbakan betriebenen Marsch durch die Institutionen. Im Islam, so der Hocaoğlu, habe nur eine Partei zu existieren, die Partei Gottes. Inspiriert von der khomeinistischen Revolution propagierte er die Erhebung der hoca, der Gelehrten in Schrift und Gebet, mit Blick auf ein nahendes Kalifat.
    (8) Infolge der Fehde zwischen PDK/DPK Barzanis und der YNK/PUK Talabanis starben in den 1990ern mehrere tausend Menschen. Die PDK ließ sich abwechselnd vom khomeinistischen Iran, dem irakischen Baʿth-Regime und der Türkei instrumentalisieren. 1996 etwa verhalf die PDK Saddam Husseins Republikanischer Garde zur Einnahme Erbils; hunderte PUK-Peshmerga wurden in der Folge hingerichtet. Ein halbes Jahr zuvor hatten Barzani und die US-Amerikaner eine koordinierte Tötung Saddam Husseins durch die PUK und einige irakische Dissidenten verraten. 1997 kollaborierte Barzani dann mit dem türkischen Regime gegen die PKK. Die Stärke der PYD in Syrisch-Kurdistan fundiere, so Konkurrenz und Kritiker, auf einer Stillhalte-Politik gegenüber dem Assad-Regime zu Beginn der syrischen Revolte sowie Repression gegen Oppositionelle.


    by CP Solidarity (noreply@blogger.com) at 06 September 2014 , 08:18:02

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